Dienstag, 1. November 2016

Leben mit Zwillingen: Abendrituale und Nächte in den ersten vier Monaten

Über nichts tauschen sich Eltern scheinbar lieber aus, als über den Schlaf ihrer Kinder. Es ist auch für uns ein zentrales Thema, dass den Wohlfühlfaktor um einiges schmälert.
„Und wie sind die Nächte?“, habe ich in den vergangenen Monaten fast täglich gehört. Seit ein paar Wochen rolle ich nicht mehr nur die Augen und verweise auf die dazu gehörigen Panda-Ringe, sondern antworte tatsächlich „Okay!“ Dann werde ich angeschaut, wie ein Auto. So ganz glaube ich mir dabei selbst nicht. Immerhin reden wir hier von ZWEI Still-Kindern, gerade mal vier Monate alt. Je nachdem welche müde Mutter mich fragt, überlege ich schon, ob ich lügen soll. Quasi Tatsachen beunschönigen. Aber warum? Es ist sowieso nur eine Phase. Und die paar Nächte, in denen wir wirklich vom Durchschlafen reden können, waren eher Zufall.
Nur an den kompletten Zufall glaube ich nicht. Ich bilde mir nämlich ein, ein bisschen was zur Anzucht der guten Schläfer beigetragen zu haben.
Vielleicht nützen unsere Erfahrungen ja der ein oder anderen schlaflosen Seele...?!

Das große Früchtchen in ihrem Puckkleid...

Zunächst waren die Abende und Nächte katastrophal. Am Spätnachmittag drehten die Früchtchen, die sonst nur schliefen und zu jeder Mahlzeit geweckt werden mussten, kurz nachdem sie sich zu Hause eingewöhnt hatten, richtig auf. Jeder Erwachsene hatte beim Versuch des gemeinsamen Abendessens ein schreiendes Kind auf dem Arm oder rannte wie wild durch die Wohnung. Um neun Uhr gab es dann noch einmal Futter und wir gingen alle ins Bett. Dort wurde dann weiter randaliert.
Eigentlich lag immer mindestens ein Früchtchen auf oder neben einem von uns. Spätestens um elf Uhr zog mein Mann ins Kinderzimmer um und ich versuchte mich bis zur nächsten Fütterrunde alleine durchzuschlagen. Im hellerleuchteten Schlafzimmer. Dunkelheit war ganz doof.
Tagsüber war ich so müde, dass ich immer schlief, wenn die Früchtchen schliefen. So bekam ich aber nicht genügend zu Essen und Trinken...
Also musste eine Lösung her. Wir gehören leider zu den Familien, deren Alltag es auch bei Erstgeborenen nicht wirklich zulässt, diesen komplett auf die Bedürfnisse der Kinder auszurichten. Mein Mann ist wochentags von fünf bis sieben Uhr unterwegs, also vierzehn Stunden, nicht zwei! Ich versorge die Früchtchen tagsüber quasi alleine. Er braucht dafür Schlaf, ich brauche dafür Schlaf.
Ich erinnerte mich an die Theorie vom amerikanischen Kinderarzt Harvey Karp, über die ich gelesen hatte und hier vorgestellt hatte. Eigentlich hatten die Früchtchen laut Kalender noch nicht einmal das dritte Trimester beendet. Trotzdem wollte ich den vorgeschlagenen Beruhigungsmaßnahmen eine Chance geben. Wenn man so richtig müde ist, lässt man nichts unversucht. So war ich wirklich über mich selbst überrascht, wie schnell ich dazu bereit war meine berufsbedingt sehr harten „Plötzlicher Kindstod Prophylaxe Regeln“ zu lockern...
Wir stellten also den Staubsauger dieser White Noise App auf volle Lautstärke, boten Schnullis an und steckten die Früchtchen in ihre Pucksäcke. Wir sind sehr zufrieden mit unseren ALVI-Pucksäcken von Baby Walz[Netterweise wurde ich für die Linksetzung zu Baby Walz bezahlt. Ob und wo man so ein Pucktuch kaufen möchte, bleibt natürlich jedem Leser selbst überlassen! Alles was ich hier sonst schreibe entspricht wie immer meiner persönlichen, nicht käuflichen Meinung!]
Mit Decken/ Tüchern zum Pucken sind wir nie zurechtgekommen. Außerdem waren die Säcke bei den winzigen Babys ideale Sommerschlafsäcke. Es gibt das „Handloch“, eine durch den Klettverschluss entstehende Lücke, durch die wir nachts oft Händchen gehalten haben, wenn es doch etwas einsam wurde.
Auf jeden Fall funktionierte die Simulation der Gebärmutter vorzüglich tagsüber in der zusätzlich schuckelnden Federwiege und auch nach dem nächtlichen Füttern. Nicht aber beim abendlichen Zubettgehen...
Meine Nachbarin lieh mir dann ja das Buch "Schlafen statt Schreien", worüber ich hier schrieb. Ich überflog es in einigen Stillrunden. Liebevolles Schlafenlernen sollte erst ab einem Alter von vier Monaten „trainiert“ werden?! Für jüngere Kinder hat die Autorin aber auch schon ein paar Hilfestellungen parat. So eröffnete ich meinem Mann, als er an jenem Abend von der Arbeit kam, dass wir nun ein festes Abendritual hätten. Er war nicht sehr begeistert und fand es viel zu früh. Aber man lässt ja nichts unversucht, wenn man müde ist...
Somit gibt es seit dem Abend zwei Stunden früher, um sieben statt um neun Uhr, für die Früchtchen eine Windel und ihr Abendbrot. In der Zeit kümmert mein Mann sich schnell um sein eigenes Essen. Anschließend singe ich ihnen zwei Schlaflieder vor. Eins, was es auch tagsüber zum Einschlafen zu hören gibt. Dann eins, was nur nachts gesungen wird, es ist auch die gleiche Melodie wie die Spieluhr. Ab hier übernimmt Papa. Er steckt die Früchtchen in ihre Pucksäcke, sie dürfen sich ganz dicht an/ auf ihn kuscheln. Bei gedämpftem Licht, aber nicht im nächtlichen Dunkel, gibt es ein paar runden Spieluhr, dann wird das nächtliche Störgeräusch, ein Bachlauf, ziemlich laut angedreht. Schnuller lagen eine Zeit lang parat, werden aber nicht so richtig akzeptiert. In der nächsten Stunde fahren sich die Zwillinge runter. Mal motzen beide, mal abwechselnd, mal schlafen beide sofort. Zwischen neun und zehn Uhr, ich habe gegessen und bin geduscht, gibt es im abgedunkelten Kinderzimmer noch eine Mahlzeit. Dann geht es zurück ins Schlafzimmer: Die Kinder in ihr gemeinsames Beistellbett, wir in unseres. Es ist dunkel, bis auf eine schwache LED-Lichterkette, am Kopfende des Gitterbettes. Der Bachlauf wird nach ein paar Minuten leiser gestellt.
Ziemlich schnell funktionierte das Ritual für uns, unsere Ansprüche und unsere Kinder perfekt. Wir haben ihnen vorher keine Möglichkeit gegeben, ihre Eindrücke des Tages zu verarbeiten. Indem wir sie zu unserer Schlafenszeit uns alle vom Tagmodus in den Nachtmodus umschalten wollten, waren wir selbst unentspannt und ungeduldig.

nächtliche Beleuchtung im Beistell-Doppelbett...

Schade ist natürlich, dass mein Mann und ich so am Abend, unserer kurzen gemeinsamen Zeit, etwas aneinander vorbei leben. Und der Papa seine Kinder nicht wirklich besaßen kann unter der Woche. Aber mit der Zeit haben sich auch da ein paar zusätzliche Lücken ergeben...
Ganz am Anfang mussten wir die Früchtchen ja nachts immer zwei Mal zum Essen wecken. Irgendwann ließen wir sie das Wecken dann selbst übernehmen, also den ersten Hungrigen. Der zweite wird zum Essen genötigt. Mittlerweile sind wir bei einer, maximal zwei Stillrunde(n), optimaler Weise dann, wenn mein Mann für die Arbeit aufsteht. Auch das hatten sie zwar schon einmal verschlafen, allerdings komme ich dann tagsüber nicht mit dem Stillen hinterher...
Übrigens denke ich auch, dass unsere relativ ruhigen Nächte auf die ziemlich unspektakulären, durchstrukturierten Tage zurückzuführen sind. Denn ich bin weiterhin ein ausgesaugter, schwacher Zombie. Dazu aber bald mehr im Stilldrama...

Einzig unsere Pucksäcke werden wir nicht richtig los, obwohl sie ja nur in den ersten zwölf Wochen eingesetzt werden sollen (wenn man vom korrigierten Alter ausgeht, sind wir noch im Soll). Seit einigen Wochen ist es ja im Jersey-Sack außerdem viel zu kalt. Nach einer einzigen, unruhigen Probenacht schliefen die Früchtchen in Pucksack und Schlafsack oben drüber. Das ist aber höchstwahrscheinlich auch nicht ganz anti-SIDS-koscher!!!
Der Tochter war ihrer außerdem mittlerweile zu kurz. Nach einigen weiteren ungepuckten Nächten entschied ich mich, weil es den Sack leider nur in einer Größe gibt, doch tatsächlich das teure Ding unten aufzuschneiden und umzunähen. Somit trug sie ab da ein Puck-Kleid.
Nun läuft/lief neben der Zeitumstellung an diesem langen Wochenende unser nächtliches Mammut-Projekt: puckfreies, störgeräuschfreies, lichtfreies Schlafzimmer. Und nebeneinander passen die Früchtchen auch nicht mehr ins Bett...
Deshalb ist dieser Artikel auch kein Eigenlob, sondern viel mehr Motivation für die nächste Nacht. Ich bin mal wieder überraschenderweise etwas müde...

Bitte schickt uns eine ordentliche Prise Sandmann-Sand und einen langen Geduldsfaden!


Ps.: Über weitere gute Ritual-Inspirationen - auch für die kommende Zeit - würde ich mich freuen. Wann habt ihr mit Bilderbüchern angefangen? Weckt noch jemand seine (Zwillings-)Kinder ab und zu oder sind wir die einzig fiesen Eltern?

Kommentare:

  1. Das hört sich toll an, wow!!

    Bei uns ist die Schlaferei mittlerweile ein mittleres Drama. Ich kann dir nur einen Tipp geben: Lass dich NICHT von den Schlafenszeiten und Ritualen abbringen. Erst Recht und schon gar nicht durch die Mäuse bzw. ihre Entwicklubgsschübe selbst 😉

    Wecken zum Stillen muss ich nicht und musste ich auch nie. Mini-B. meldet sich zuverlässig selbst. 🙈😂

    Glg

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    1. Wie du ja schon weißt, ist es das bei uns auch seit dieser Text geschrieben ist (Ahh...), Zeitumstellung, Entwicklungsschub, verändertes Schlaf-Arrangement - es kommt gerade viel zusammen. Ich hoffe für uns alle, dass sich das Drama schnell wieder in eine seichte Komödie wandelt...und werde deinen Tipp beherzigen, bin sowieso zu müde für die Entwicklung eines Plan Bs :)

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  2. Zu den Ritualen kann ich leider gar nichts sagen, das ist inzwischen im gnädigen grauen Nebel des Vergessens untergegangen, ich hatte ja nur eines und wir haben Ewigkeiten das Familienbett praktiziert und ich bin meistens beim abendlichen Einschlafen/-stillen mit eingeschlafen oder es war einfach nur fürchterlich!
    Die Zeitumstellung im Herbst war auch immer nur ätzend, egal wie gut es vorher lief, ab da war wieder alles Makulatur.
    Später gab es dann zum Einschlafen (so ab ca. 1 1/2 Jahren schätze ich) die Pixie-Bücher (wenn ich einige davon sehe, dann kann ich sie nach über 10 Jahren immer noch auswendig - es lebe das Ritual!)

    Liebe Grüße Caro

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    1. Liebe Caro,
      Der graue Nebel des Vergessens greift hoffentlich auch bei den nicht so schönen Nächten...?! ;-) Dann behalte dir mal die Pixie-Bücher gut im Langzeitgedächtnis, Enkel profitieren bestimmt auch irgendwann einmal davon :-D

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